Julie von Bismarck

Ich werde häufig gefragt, warum mir das Wohl der Pferde so sehr am Herzen liegt und was mich dazu bewegt, mich in einem solchen Maße für einen Wandel im Reitsport einzusetzen. Ich möchte daher versuchen, es zu erläutern.
In eine Familie hineingeboren, in der jedes Familienmitglied erst einmal reiten lernte, saß auch ich bereits auf dem Pferd, bevor ich selber des Laufens mächtig war. Pferde gehörten von Beginn an ganz selbstverständlich zu meinem Leben und so ist es bis heute.
Meine Großmutter, die meine Reiterei entscheidend prägte, war eine große Pferdefrau und Verfechterin der klassischen Reitlehre. Es war selbstverständlich, dass das Wohl des Pferdes an erster Stelle kam; Disziplin, Fairness und die Einhaltung strenger Regeln waren Voraussetzung für jeden, der reiten wollte.
In den letzten zwanzig Jahren habe ich während meiner Tätigkeit als Pferdeosteopathin und Akupunkteurin feststellen müssen, welche verheerenden Auswirkungen die immer deutlicher werdende Abkehr von den alten Richtlinien und Traditionen auf die Gesundheit der Pferde hat. Hatte ich mich als Jugendliche häufig über die strengen Regeln und Vorgaben geärgert, wurde mir immer stärker bewusst, wie wichtig diese Traditionen waren, um das Pferd vor Mißbrauch zu schützen. Oder anders formuliert: Um die Reiter davor zu schützen, ihren Pferden Schaden zu zufügen.
Es gibt heute im Wesentlichen zwei Gruppen von Reitern, welche ganz unterschiedliche Ursprünge haben, sich jedoch beide negativ auf die Gesundheit und das Wohl der Pferde auswirken und den Ruf des Reitsports erheblich beschädigen: Auf der einen Seite die Reiter und Pferdebesitzer, die das Pferd einzig und allein als Mittel zum Zwecke des Geldverdienens sehen, Methoden anwenden, von denen sie wissen, dass sie dem Pferd Schaden zufügen und dies billigend in Kauf nehmen. Auf der anderen Seite die Reiter und Pferdebesitzer, die ihren Pferden eigentlich gar nichts böses wollen, jedoch aus Unwissenheit und einer mangelhaften Ausbildung Fehler im Umgang, beim Reiten und in der Haltung des Pferdes machen und ihren Pferden auf diese Weise ebenfalls, wenn auch absolut unbeabsichtigt, schaden.
Ich merkte bald, dass ich mit dem „Reparieren“ also dem Behandeln der Pferde nicht nur nicht die Ursache für die Erkrankungen beheben konnte, wegen derer ich gerufen wurde, sondern ich im Gegenteil dazu beitrug, dass sich nichts Grundlegendes zum Wohl des Pferdes änderte: Nach meiner Behandlung liefen die Pferde wieder tadellos und die Besitzer/Reiter sahen keine Notwendigkeit, etwas an ihrem Training oder den Haltungsbedingungen zu ändern, oder an den persönlichen Fähigkeiten zu arbeiten.
Es galt also, einen Weg zu finden, die Ursachen zu beheben. Dafür schien mir die Vermittlung von Wissen und die möglichst umfassende Aufklärung der Reiter ein sehr geeignetes Mittel, denn je mehr Reiter zu einem Umdenken zu veranlasst werden können, desto mehr verbessern sich die Bedingungen für die Pferde.
Als Kind und Jugendliche war mein größtes (und übrigens einziges) prominentes Vorbild Jane Goodall, welche die Schimpansen von Gombe beobachtete und Verhalten bei ihnen nachwies, das bis dahin als den Menschen vorbehalten galt. Mrs. Goodall hat den Dschungel und die Schimpansen nach einigen Jahren verlassen und reist seitdem pausenlos um die Welt, signiert T-shirts, spricht vor tausenden von Zuhörern an den größten Universitäten der Welt, hält Vorträge und ihr prominentes Gesicht in Kameras, um ihre Botschaft zum Schutz der Natur und der Tiere möglichst weit zu verbreiten und den bedrohten Arten eine Stimme zu geben.
Ähnlich wie sie habe ich, nachdem ich über Jahre Verhaltensweisen, Zusammenhänge im Pferdekörper, Auslöser von Erkrankungen sowie „Unarten“ und Folgen von mentalem oder körperlichem Stress studiert hatte, die Pferde vor Ort, in den Reitställen, verlassen und mich von dem reinen Behandeln der Symptome auf die Aufklärung der Reiter verlegt. Ich setze mich ein für das Wohl des Pferdes, ich gebe den Pferden eine Stimme. Denn nur weil das Pferd nicht auf der Liste der bedrohten Tierarten steht, bedeutet das leider nicht, dass man es nicht beschützen muss.
Ich bin überzeugt dass, wenn sich die Reiter die Mühe machen, sich mit dem Pferd auseinanderzusetzen und alles über seine Besonderheiten und Bedürfnisse zu lernen, wenn alte Werte, Richtlinien und Traditionen wieder respektiert werden, der Reitsport wieder zu einem fairen Teamsport werden kann, bei dem das Wohl des Pferdes und das Pferd an sich im Mittelpunkt stehen. Denn ohne Pferd kein Reiter. Das sollte eigentlich jedem einleuchten.

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